Die Klasse 10b im Münchner Volkstheater: Pioniere in Ingolstadt


Marieluise Fleißer zählt zu den wenigen Autorinnen, die im Schulkanon der dramatischen Literatur des 20. Jahrhunderts Aufnahme finden. Ihr Stück „Pioniere in Ingolstadt wurde bei der Premiere 1928 vom Feuilleton geradezu verrissen. Dem Berliner Theaterpublikum hatte sie den Spiegel vor Augen gehalten über ausbeuterische Praxis gegenüber Dienstmädchen und Casanova-Attitüden der Soldaten gegenüber jungen Frauen. Es gab auch Theaterkritiker, die zu Fleißer hielten, neben Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Alfred Kerr war es Erich Kästner, der Fleißer lobte, weil sie es gewagt hatte, „die Dinge beim Namen zu nennen.“

Was denken Jugendliche über das Stück heute? Einige Notizen aus einer Nachbesprechung des Theaterbesuchs am Dienstag, den 3.3.2026, sollen die Freude und Begeisterung vermitteln, die das Stück allen bereitet hat.

Das Stück wurde modern umgesetzt - mit einem Bühnenbild, das auf den ersten Blick schlicht wirkte, aber sich dynamisch veränderte und eine Schlüsselrolle für das Verständnis des Stücks einnimmt. Die Bühne lässt sich aufrichten und markiert die Machtverhältnisse zwischen den Pionieren und den Frauen. Als die Soldaten von oben einmarschieren, sitzen die beiden Hauptfiguren, Alma und Berta, unten. Wenn das Stück zu Ende ist, die Pioniere abtreten, und Alma und Berta betrogen und entehrt zurückbleiben, klammern sich die beiden Frauen an den aufgerichteten Bühnenboden wie an einen Felsvorsprung. Unter ihnen ist der Abgrund, der sie gleich verschlingen wird. /

Unterhaltsam war das Stück, voller Farbe und Humor zum Beispiel, durch das groteske Spiel von Unertl und seinen Sohn Fabian. / An der Rolle Fabians sieht man, wie wichtig sozialer Einfluss im Leben eines jungen Mannes ist. / Effektvoll, wie das Militär umgesetzt wurde: das Outfit verkörpert Zusammengehörigkeit, bei der Arbeit werden sie streng geführt, in der Freizeit lauern sie den Frauen auf. / Zum Beispiel, die bedrohliche Wirkung, die von den Soldaten ausgeht, von Korl, den anderen Pionieren und dem fiesen Feldwebel. Sie wird durch die betont V-förmig geschnittenen Uniform-Kostüme – leuchtendes Sandgelb, statt tristem Feldgrau -  durch die Choreografie der angetretenen, marschierenden, soldatisch grüßenden, gedrillten, gequälten und nach Freiheit dürstenden Soldaten, und nicht zuletzt durch das eindringliche rhythmische Trommelschlagen ausdrucksstark hergestellt. /

Das besinnliche Akkordeonspiel, die Szenenbilder, die wie eine Zeitaufnahme dem dynamischen Gang der Handlung eine Atempause verschaffen, all das hat mich sehr berührt. / Ich habe bewundert, wie die Schauspielerinnen die Gefühle zum Ausdruck bringen und das Publikum bannen. Das war perfekt dargestellt. / Wie man den ganzen Körper einsetzt, um einen Charakter auszudrücken, und wie mit sparsamer Sprache Emotionen geschaffen werden, das ging mir nah. /

Ein gelungenes Stück, das die Machtungleichheit zwischen Männer und Frauen, die leider immer noch vorhanden ist, sehr beeindruckend darstellt. / Ich fürchte, dass das Stück auch noch in Zukunft wahr ist, weil es immer noch Sexismus und Chauvinismus gibt.

Wilfried Eckstein